Wie Namen zu Schimpfwörtern werden

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02 Februar 2016

Wie ist Dein Name bloß zum Schimpfwort geworden, Du Otto?!

Posted in Februar 2016

keep calm Du Otto
Bild: Joe Kriege

Was muss ein Mensch anstellen, damit sein Vorname zum Schimpfwort wird? Denn wenn sich jemand ungeschickt anstellt oder begriffsstutzig ist, heißt es nicht selten: "Booah, Du Otto!" oder "Mach Dich nicht zum Horst!". Und wenn sich die Szene bei Jugendlichen abspielt: "Voll der Alpha-Kevin!"

Komischerweise sind es aber nicht die Vornamen derjenigen, die da gerade unangenehm aufgefallen sind. Es heißt nicht "Booah, Du Thomas". Es werden ja nur bestimmte Vornamen verwendet, die mit geringer Intelligenz oder wenig Bildung gleichgesetzt werden: Otto, Horst, Willi, Heini, Uschi, Käthe und natürlich Kevin.

Bis auf Kevin sind es alte Namen, die ein solche Stigma haben. Denn früher hat das Bildungsbürgertum die lange Form der Vornamen verwendet (Heinrich, Wilhelm, Katharine oder Ursula). Nur Bedienstete oder Menschen vom Land, also weniger Gebildete, verwendeten früher die Kurzform "Heini", "Käthe" und "Uschi". Diese Wahrnehmung wirkt bis heute weiter, wenn wir sagen "Lass mich durch, Du Heini!" oder "Was willst Du von mir, Du Uschi!" 

Außerdem waren Horst, Otto und Heinrich früher so weit verbreitete Namen, dass die Chance, dass einer davon unangenehm auffiel, entsprechend groß war. Und schon war Otto ein Voll-Horst.
Doch Otto ist eigentlich ein Sonderfall, weil dabei der 'Otto Normalverbraucher' noch im Hintergrund herumgeistert - ein fiktiver Typ, der von der Marktforschung so bezeichnet wurde, weil er absolut durchschnittliche Eigenschaften und Vorlieben hat. Und wer möchte schon absolut durchschnittlich sein?

Viele Kevins merken wohl gar nicht, dass ihr Name ein Schimpfwort ist

Bei Kevin, dem Schimpfwort für die bildungsfernen Jungs von heute, gibt es eine Art Knoblauch-Effekt, wie Gabriele Rodriguez vermutet. Die Namensforscherin von der Uni Leipzig sagte kürzlich in einem Interview mit dem "Jetzt"-Magazin der Süddeutschen Zeitung, viele Kevins würden gar nicht merken, dass ihr Vorname ein Schimpfwort ist. Sie bewegen sich nämlich in Kreisen bewegen, in denen englische Vornamen so oft vorkommen, dass dies als völlig normal gilt.

Doch "Alpha-Kevin" ist bei Jugendlichen eine so populäre Bezeichnung für den Dümmsten von allen, dass sie bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2015 fast gewonnen hätte. Der Langenscheidt-Verlag hat allerdings in die Wahl eingegriffen, um diese Diskriminierung nicht noch weiter zu verstärken. Dann hätten vermutlich sogar die Kevins gemerkt, dass ihr Name ein Schimpfwort geworden ist.

Das wird sich wohl auch wieder ändern, denn alte Namen sind ja wieder beliebter geworden: Paul zum Beispiel, Emil und auch Otto, der 2014 auf Platz 152 der beliebtesten Vornamen für Neugeborene stand. Daher geht Gabriele Rodriguez davon aus, dass Otto schon heute nicht mehr unbedingt mit Bildungsferne assoziiert wird, sonst würden wohl kaum so viele Eltern ihrem Kind diesen Namen geben. So wird Otto eines Tages wieder ein ganz normaler Vorname sein. Bei Kevin wird das wohl noch eine ganze Weile dauern.