Wo die Worte wohnen

Sprache

10 Mai 2016

Wo die Worte wohnen

Posted in Mai 2016

Erster Wort-Atlas des menschlichen Gehirns von US-Forschern erstellt

Bild: Alexander Huth

Unser Gehirn verarbeitet Sprache nicht bloß in einem Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte, wie das seit dem 19. Jahrhundert vermutet wurde. Die Worte werden vielmehr in über 130 Arealen verarbeitet, die zusammen ein semantisches Netzwerk bilden, über das gesamte Gehirn verteilt. Das zeigt der erste Atlas dieses Netzwerkes, der kürzlich von Forschern der Universität Berkeley in Kalifornien erstellt wurde.

Alexander Huth und Jack Gallant haben mit ihrem Team sieben Probanden im MRT untersucht, während sie zwei Stunden lang die "Moth Radio Hour" hörten, eine Art Poetry Slam im Radio. Dabei zeigte sich, dass Worte nach Kategorien sortiert werden. "Mutter" und "Familie" aktivieren eine bestimmte Region, Begriffe wie "Zuhause" oder "Eigenheim" sind daneben angesiedelt. Diese Logik setzt sich fort. Denn gleiche Wörter, die aber in verschiedenen Zusammenhängen eine unterschiedliche Bedeutung haben, werden in verschiedenen Arealen verarbeitet. So aktiviert zum Beispiel das englische Wort "top" unterschiedliche Hirnbereiche; je nachdem, ob es räumlich gemeint ist (oben, hoch), als Wertung bzw. Rangordnung (spitze, super) oder als Kleidungsstück (Top, Oberteil).

Farb-Code für unsere Wortschatzkarte

Um die Gefilde der Worte in unserem Gehirn anschaulich zu machen, haben die Forscher sie in einen Farb-Code unterteilt:

Rot - Soziales

Pink - Gewalt

Hellgrün - Visuelles

Grün - Zahlen

Gelb - Körperteile

Violett - Psychisches

Dunkelblau - im Freien

Damit ist der Wort-Atlas natürlich noch nicht vollständig. Durch zwei Stunden Radio-Hören lassen sich nicht annähernd alle Wörter erfassen, die der menschliche Wortschatz zu bieten hat und die das Gehirn verarbeiten kann. Es waren etwa 10.000, und das stellt einen vielversprechenden Anfang dar. "Wir hoffen, dass unser Atlas anderen Forschern dabei helfen wird, die neurobiologischen Grundlagen unserer Sprache weiter zu verstehen", resümieren die Forscher ihre ersten Ergebnisse.

Erfreulicherweise haben sie den Atlas online offen zur Verfügung gestellt: http://gallantlab.org/huth2016

Die Veröffentlichung ist im renommierten naturwissenschaftlichen Magazin "Nature" erschienen: http://www.nature.com/nature/journal/v532/n7600/full/nature17637.html