Worte, in denen man sich zu Hause fühlen kann

08 August 2017

Worte, in denen man sich zu Hause fühlen kann

Posted in August 2017

Sessel in Buchstabenform – Y, E und S
Bild: www.sonderbaer.com

Als Texter bin ich fasziniert von Wörtern, die eine Situation mit einem einzigen Begriff auf den Punkt bringen. Wenig Buchstaben – viel Aussage. Besonders dann, wenn ich diese Situation selbst schon erlebt habe, aber irgendwie nicht angemessen ... nur mit vielen Worten formulieren konnte. 

Das spanische Wort "duende" ist ein gutes Beispiel. Es steht für die Kraft eines Kunstwerkes, das die Menschen bewegt, aber kaum zu erklären ist. Als ich davon zum ersten Mal hörte, dachte ich an die Musik, die mich berührt, ohne dass ich es erklären kann. Ich fühlte mich verstanden, mein diffuses Gefühl war formuliert und auf den Punkt gebracht worden. Andere Menschen teilen dieses Gefühl ja sogar – es gibt ein Wort dafür. Ich fühlte mich irgendwie zu Hause. 

Dieses sprachliche Heimatgefühl kann der New Yorker Psychologe David Tripolina offenbar nachvollziehen. Er hat kürzlich ein Buch mit solchen Wörtern veröffentlicht ("Einzigartige Wörter. 333 Begriffe, die es nur in einer Sprache gibt"). Mit diesem Titel hat er zwar einen linguistischen Aufhänger gewählt, aber er hat Worte versammelt, die eine besondere Situation oder einen speziellen Gefühlszustand bezeichnen. 

Ein paar Kostproben: 

  • bakku-shan (Japanisch): eine Frau, die nur von hinten schön ist 
  • gattara (Italienisch): eine alte Frau, meist einsam, die sich um streunende Katzen kümmert
  • hygge (Dänisch): ein tiefes Gefühl für einen bestimmten Ort, für Wärme, Freundschaft oder Zufriedenheit (dieses Wort ist übrigens gerade in den neuen Duden 2017 aufgenommen worden).
  • Kälsarikännit (Finnisch): sich zu Hause betrinken, nur in Unterhosen, und keine Anstalten machen, das Haus wieder zu verlassen 
  • Kenja (Japanisch): der Moment nach dem Orgasmus, in dem ein Mann frei von sexuellen Gedanken ist und klar denken kann
  • litost (Tschechisch): Scham, die man fühlt, wenn einen jemand durch seine Erfolge versehentlich an all das erinnert, was im eigenen Leben schiefgelaufen ist
  • Murr-ma (Aborigine): die Kunst, unter Wasser etwas mit den Füßen zu suchen
  • Sgriob (Gälisch): der zarte Juckreiz auf der Unterlippe, bevor man einen Schluck Whiskey trinkt
  • Tingo (von den Osterinseln): schrittweise Übernahme des Nachbarhaushaltes, indem man sich immer wieder etwas ausleiht und es nicht zurückgibt 

Diejenigen Worte, die etwas bezeichnen, was ich noch nicht erlebt habe, bieten einen anderen Reiz. Sie wirken auf mich wie ein Blick durch's Schlüsselloch auf eine andere Mentalität, exotisch und privat. Ein bißchen so, als würde ich verborgene Gedanken anderer Völker sehen können. Dort, wo sie sich zu Hause fühlen. 

 

P.S.: Der Autor des besagten Buches ist übrigens doch kein New Yorker Psychologe, haben Journalisten herausgefunden, sondern ein süddeutscher Autor, der dieses Buch unter Pseudonym veröffentlicht hat. An der Faszination der Worte ändert das nichts, aber vermutlich an den Verkaufszahlen des Buches.