Freie Arbeiten

Freie Arbeiten

Das musste mal gesagt werden - freie Arbeiten

Manchmal schreibe ich etwas, das in keine Schublade passt und auch von niemandem bezahlt wird. Aber ich muss es tun, weil es a) solchen Spaß macht oder b) einfach mal gesagt werden muss.

 

 

Büroklammergeschichte

Das ist die Geschichte von der Büroklammer, die arbeitslos wurde, weil das Papier aus den Büros verschwand. Alles wurde digital, es gab immer mehr papierlose Büros und schließlich hatte die Büroklammer nichts mehr zu tun.

Der Berater im Jobcenter empfah ihr, flexibel zu sein; so wie viele ihrer Kollegen, die heute als Aushilfe in kaputten Reißverschlüssen oder Büstenhaltern tätig waren. Nur jede zehnte Büroklammer arbeitet heute noch in ihrem ursprünglichen Job, betonte der Berater.

OK, sie versuchte es. Sie verdingte sich als Aufhängung für Infusionen bei Ärzten und Sanitätern. Sie arbeitete in Autowerkstätten, wo sie von Mechanikern bei ABS-Tests verwendet wurde. Und wenn gerade keine Tests zu machen waren, wurde sie zum Putzer verstopfter Vergaserdüsen benutzt. Es war dreckige und undankbare Arbeit, sehr unbefriedigend. Das war nichts für sie, eine Büroklammer war nun mal für Büroarbeit geschaffen.

Sie nahm sich eine Auszeit, um sich zu erholen und über ihre berufliche Neuausrichtung nachzudenken. Eine Weile tat sie nichts, aber das bekam ihr gar nicht gut. Es war nicht das Geld, das ihr fehlte. Als Büroklammer brauchte sie ja nicht viel. Nein, es ging vielmehr um das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Vermisste sie jemand; jetzt, wo sie weg vom Fenster war? Bemerkte es überhaupt irgendjemand?!

 

Solche Gedanken machten sie depressiv, sie konnte sich kaum noch zu irgendetwas aufraffen. Ein Therapeut empfahl ihr, nicht so zu klammern und einfach loszulassen. Das fiel ihr schwer; sie hatte Angst, weil sie nicht wusste, was danach kommen würde. Aber hatte sie eine Alternative ... ?! Also ließ sie los. Sie klammerte sich nicht länger an ihre Wünsche und Hoffnungen, an ihr altes Bild von sich selbst. Doch nun hatte sie gar nichts mehr, was ihr Halt gab. Sie stürzte emotional ab und fiel in ein schwarzes Loch.

Schließlich war sie so verzweifelt, dass sie sich von einem Berg Aktenordner stürzen wollte. Sie suchte sich den höchsten Stapel, der zu finden war. Schweren Herzens machte sie sich auf ihren letzten Weg. Sie roch noch einmal das Papier und spürte die scharfen Kanten. 'Das kann doch alles gar nicht wahr sein', dachte sie.
Verzagt schaute sie zum Gipfel hoch und sah dort oben eine andere Büroklammer am Rand stehen. 'Um Gottes Willen, die wird doch wohl nicht ...!' Ihre Kräfte verdoppelten sich, sie zog sich energisch hoch, um diese lebensmüde  Büroklammer zu retten. Als sie oben ankam, nahm sie die andere Klammer und die beiden setzten sich, Hand in Hand.

So wurden sie von einem jungen Typ fotografiert, der das Bild ins Internet stellte. Das Bild der händchenhaltenden Büroklammern berührte viele Menschen. Das Foto wurde geteilt und weiterverbreitet. Binnen einer Woche hatten es Millionen Menschen geliked, geplusst und getweetet.

So wurde die Büroklammer berühmt. Ausgerechnet in der papierlosen, digitalen Welt bekam sie nun weltweite Aufmerksamkeit und Sympathie, auch wenn dies auf einem kleinen Missverständnis beruhte. Aber das wäre nicht die erste Karriere, die auf einem Missverständnis basiert.
Sie war so glücklich, wie eine Büroklammer nur sein konnte, ohne Papier zusammenzuhalten. Und es würde mich nicht wundern, wenn sie bald zum Star einer Kampagne werden würde. So laufen doch Erfolgsgeschichten in den Medien heute, oder?