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07 Juni 2018

"Sonnenblicke auf der Flucht" ... wenn KI Gedichte schreibt

Posted in Juni 2018

KI = künstliche Intelligenz > kreative Intelligenz?

 
Auf der Flucht gezimmert in einer Schauernacht.

Schleier auf dem Mahle. Säumliche Nahrung, dieses Leben.

Die Stille der Bettler umfängt mich in einer schmausenden Welt.
Der junge Vogel ist ein Geschoss, vom Sturmwild getragen, im Leben betrogen.

Seelenvolle Tänze und heilige Lippen der Schande.
Flammen auf dem Flur, Licht in den Kehlen.
Das Böse bestet sich auf der Wiese, die Götter rennen.
Glocken hallen, Donner schwingen.

Die Liebe bringt mir das Geschäft, Dein leichtes Herz verlangend.
Goldene Glieder, wildes Blut, geheime Tiefe.
Dein himmlischer Reiz und lebendiger Quell beflügelt mich.
Du erklirrende, entheilende Gestalt.
Züchtiger Glaube erbleicht die Seele.

Dieses KI-Gedicht ist in der "Frankfurter Bibliothek" erschienen, einem der renommiertesten Lyrikbände der Gegenwart. Herausgeber ist die Brentano-Gesellschaft, die jedes Jahr einen Gedicht-Wettbewerb veranstaltet und aus den eingereichten Werken die besten/relevantesten auswählt. So entsteht jedes Jahr eine Art Best-of der deutschsprachigen Gegenwarts-Lyrik.
Das Buch erscheint in messing-geprägtem Leinenband und wird regelmäßig von den Staatsbibliotheken in Frankfurt, Wien, Bern und Paris bestellt, sowie von der "Library of Congress" in Washington. 

Da muss es besonders reizvoll gewesen sein, ein Gedicht einzureichen, das von einem Computer verfasst wurde. Die Digital-Agentur Tunnel23 aus Wien hat eine Software für Künstliche Intelligenz mit Gedichten von Goethe und Schiller trainiert und sie dann ein Gedicht zum vorgegebenen Thema "Auf der Flucht" schreiben lassen.

 

Es hat eine sehr freie Form, ohne Versmaß, ohne Reim. Es hat ungewöhnliche Metaphern ("die Stille der Bettler umfängt mich in einer schmausenden Welt2), hier und da ist es mysteriös ("säumliche Nahrung, dieses Leben") und stellenweise unverständlich ("Das Böse bestet sich auf der Wiese"). Alles ziemlich modern.

"Sonnenblicke auf der Flucht" wurde unter einem Menschen-Namen zum Gedichtwettbewerb eingereicht und von der Jury ausgewählt. Ein Ritterschlag für dieses Werk, denn es wurde unabhängig davon beurteilt, wer es verfasst hat. Erst nachträglich ist bekannt geworden, dass es von einer KI geschrieben wurde. Das hat viel Wirbel in der österreichischen Presse verursacht, aber die Herausgeber haben sich vorsichtshalber nicht dazu geäußert. 

KI kann auch Kunst - die Revolution kommt in Fahrt

Warum nur in der österreichischen Presse? Warum wurde über diese revolutionäre Leistung nicht weltweit berichtet? Als der Schach-Computer "Deep Blue" 1996 den Schachweltmeister Garri Kasparow besiegt hat, ging diese Nachricht um die Welt. Als der Chef von Tesla, Elon Musk, Ende 2016 ankündigte, ein Auto selbstständig von Los Angeles nach New York fahren zu lassen, haben alle darüber berichtet. Und wenn KI in der Kunst eine noch nie dagewesene Leistung vollbringt, die den menschlichen Werken sogar als ebenbürtig eingestuft wird, ist das nur eine Randnotiz?!

Dabei ist Kunst ja etwas, das wir Menschen gerne als unsere Domäne betrachten, weil sie uns von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Hunde, Delfine und Affen erschaffen keine Gedichte. KI schon. Sie kann das übrigens auf Knopfdruck wiederholen, zu jedem beliebigen Thema. 
KI kann also auch Kunst. In der Malerei lässt sich Roman Lipski schon seit 3 Jahren von KI zu neuen Bildern inspirieren: http://www.romanlipski.com/air-unfinished/bilder.html. Und in der Musik hat KI schon Songs komponiert, wie "Break free" auf YouTube zeigt: https://youtu.be/XUs6CznN8pw

Ich bin gespannt, was wir von KI in der Literatur noch hören und lesen werden. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis künstliche Intelligenz auch fiktionale Geschichten schreibt; Romane, Drehbücher ... James Ryan von der University of California lässt den Podcast "Sheldon County" schon von KI schreiben und vorlesen: https://www.heise.de/tr/artikel/Regie-KI-Buch-KI-Gesprochen-von-KI-4068201.html. Die Revolution kommt in Fahrt. 

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